✦ Ratgeber · Immobilienfinanzierung

Eigenkapital beim Hauskauf: Wie viel brauche ich wirklich?

„Mindestens 20 Prozent" hört man oft. Die Zahl ist nicht falsch, aber sie erklärt nicht, warum – und wann weniger vertretbar ist. Beides entscheidet über Ihren Zinssatz.

Eigenkapital wirkt in einer Immobilienfinanzierung an zwei Stellen gleichzeitig: Es reduziert den Darlehensbetrag – und es verbessert die Konditionsklasse. Der zweite Effekt wird regelmäßig unterschätzt, obwohl er über die Laufzeit oft mehr ausmacht als der erste.

Zwei Arten von Eigenkapitalbedarf

Unterscheiden Sie strikt zwischen:

  1. Nebenkosten. In Hessen rund 10 % des Kaufpreises: 6,0 % Grunderwerbsteuer, etwa 1,5–2,0 % Notar und Grundbuch, dazu ein etwaiger Käuferanteil an der Maklerprovision. Diese Kosten erzeugen keinen Gegenwert, den die Bank als Sicherheit verwerten kann. Sie sollten deshalb praktisch immer aus Eigenmitteln kommen.
  2. Anteil am Kaufpreis. Hier liegt der Hebel für den Zinssatz. Üblich empfohlen werden 10–20 % des Kaufpreises, zusätzlich zu den Nebenkosten.

Bei einem Kaufpreis von 500.000 € heißt „20 % plus Nebenkosten" also: 100.000 € plus rund 50.000 €, insgesamt etwa 150.000 €. Das ist der Grund, warum die 20-Prozent-Regel in Hochpreisregionen so oft an der Realität scheitert – und warum es sich lohnt, die Alternativen zu kennen.

Warum Eigenkapital den Zins senkt

Banken kalkulieren über den Beleihungsauslauf: Darlehen geteilt durch Beleihungswert. Der Beleihungswert ist nicht der Kaufpreis, sondern ein von der Bank ermittelter, um Sicherheitsabschläge reduzierter Wert. Je niedriger der Auslauf, desto geringer das Risiko der Bank – und desto günstiger die Kondition.

BeleihungsauslaufEinordnung
bis 60 %günstigste Konditionsklassen
bis 80 %Standardfall bei solider Eigenkapitalquote
bis 90 %möglich, mit Zinsaufschlag
bis 100 %„Vollfinanzierung", deutlicher Aufschlag, nicht bei jeder Bank
über 100 %Nebenkosten mitfinanziert; nur bei sehr guter Bonität

Wichtig: Die Schwellen wirken sprunghaft. Wenn Sie mit 91 % Auslauf knapp über einer Grenze liegen, können wenige Tausend Euro zusätzliches Eigenkapital eine bessere Konditionsklasse öffnen. Das lohnt sich zu prüfen, bevor der Vertrag steht.

Was weniger Eigenkapital konkret kostet

Modellrechnung: 400.000 € Darlehen, 2 % Anfangstilgung. Wir vergleichen zwei Konditionsklassen mit 0,6 Prozentpunkten Unterschied – ein realistischer Abstand zwischen 80 % und 100 % Beleihungsauslauf:

SollzinsMonatsrateMehrkosten pro MonatMehrkosten in 10 Jahren
3,50 %1.833,33 €
4,10 %2.033,33 €200,00 €24.000 €

Wer 40.000 € mehr Eigenkapital einbringt und dadurch in die bessere Klasse rutscht, spart im Beispiel über zehn Jahre rund 24.000 € – bei gleichzeitig schnellerer Entschuldung. Die Zinssätze sind Beispielwerte zur Veranschaulichung, kein Angebot.

Was alles als Eigenkapital zählt

  • Bankguthaben, Tagesgeld, Festgeld – unstrittig, einfach nachzuweisen.
  • Wertpapiere und Fondsanteile – werden meist mit einem Abschlag angerechnet, weil der Kurs schwankt.
  • Bausparverträge – angespartes Guthaben zählt; ein zuteilungsreifer Vertrag kann zusätzlich als Darlehensbaustein dienen.
  • Lebens- und Rentenversicherungen – Rückkaufswert zählt, aber prüfen Sie vor einer Kündigung die steuerlichen Folgen und den Verlust der Absicherung.
  • Schenkung von Eltern oder Großeltern – üblich und akzeptiert. Achten Sie auf die schenkungsteuerlichen Freibeträge und auf eine saubere Dokumentation der Mittelherkunft; Banken sind hier durch Geldwäscheregeln streng.
  • Privates Darlehen von Angehörigen – wird oft nicht als Eigenkapital anerkannt, sondern als Verbindlichkeit gewertet. Ausnahme: nachrangige Verträge ohne feste Rückzahlung, je nach Bank.
  • Arbeitgeberdarlehen – bankabhängig; wird meist als Verpflichtung berücksichtigt.
  • Bereits vorhandene Immobilie – Verkaufserlös oder freier Beleihungsraum kann eingesetzt werden. Bei paralleler Kauf-Verkauf-Situation braucht es eine Zwischenfinanzierung.
  • Eigenleistung („Muskelhypothek") – wird teilweise anerkannt, meist begrenzt und nur mit realistischer Materialkalkulation. Rechnen Sie nicht mit voller Anerkennung.

Wann eine Finanzierung ohne Eigenkapital vertretbar ist

Vollfinanzierungen haben einen schlechten Ruf – manchmal zu Recht, manchmal nicht. Sie können vertretbar sein, wenn mehrere dieser Punkte zusammentreffen:

  • sicheres, unbefristetes und überdurchschnittliches Einkommen mit Aufwärtstendenz
  • hohe Anfangstilgung – mindestens 3 %, um die Restschuld schnell zu senken
  • Objekt in stabiler Lage mit guter Wiederverkäuflichkeit
  • lange Zinsbindung, damit Zinsänderungsrisiko nicht auf eine hohe Restschuld trifft
  • ausreichende Liquiditätsreserve neben dem Kauf für Reparaturen und Einkommensausfälle
Die riskante Kombination

Wenig Eigenkapital und niedrige Tilgung und kurze Zinsbindung. Dann steht nach zehn Jahren eine hohe Restschuld einem unbekannten Zinsniveau gegenüber. Wenn Sie mit wenig Eigenkapital kaufen, kompensieren Sie das über Tilgung und Bindungsdauer.

Sonderfall Frankfurt

Drei lokale Besonderheiten verschärfen das Thema:

  • 6,0 % Grunderwerbsteuer – einer der höchsten Sätze in Deutschland. Der Nebenkostenblock ist hier größer als in vielen anderen Bundesländern.
  • Hohes Preisniveau – der absolute Eigenkapitalbedarf ist entsprechend hoch, selbst bei moderaten Prozentquoten.
  • Bieterverfahren – wer über dem Beleihungswert kauft, muss die Differenz mit Eigenkapital schließen. Klären Sie den finanzierbaren Rahmen deshalb vor dem Gebot, nicht danach.

Genau deshalb rechnen wir vor der Objektsuche: Sie wissen, welcher Kaufpreis realistisch ist, welche Konditionsklasse erreichbar wäre und wie viele Tausend Euro zusätzliches Eigenkapital an der nächsten Schwelle bringen würden.

Ortaç Özel

Geschäftsführer der SoWo Immobilien GmbH · Frankfurt am Main

Gründete SoWo 2013 in Frankfurt und begleitet seither Käufer, Eigentümer und Kapitalanleger im Rhein-Main-Gebiet – von der Objektbewertung bis zur Finanzierungszusage. Immobiliardarlehensvermittlung gemäß § 34i GewO. Mehr über das Unternehmen

Häufige Fragen

Kann ich ohne Eigenkapital eine Immobilie kaufen?
Technisch ja – manche Banken finanzieren bis 100 % oder darüber. In Hessen wird es wegen 6 % Grunderwerbsteuer aber schwierig, weil die Nebenkosten in der Regel aus Eigenmitteln kommen müssen. Nötig sind dann sehr gute Bonität, hohe Tilgung und ein gut bewertbares Objekt.
Zählt ein Darlehen von den Eltern als Eigenkapital?
Meist nicht. Eine Schenkung ja, ein rückzahlbares Darlehen wird häufig als Verbindlichkeit gewertet und belastet die Haushaltsrechnung. Manche Banken akzeptieren nachrangige Angehörigendarlehen – das ist Einzelfallprüfung.
Wie weise ich Eigenkapital nach?
Über Kontoauszüge, Depotauszüge, Bausparkontoauszüge oder eine Schenkungsbestätigung. Wegen der Geldwäschevorschriften müssen Banken die Herkunft der Mittel plausibel nachvollziehen können – größere Bareinzahlungen sind problematisch.
Soll ich meine Lebensversicherung für Eigenkapital kündigen?
Nicht ohne Prüfung. Rückkaufswert, steuerliche Behandlung und der Verlust des Versicherungsschutzes sollten gegen den Zinsvorteil gerechnet werden. Häufig ist eine Abtretung oder Beleihung die bessere Variante.

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